Hinter den Kulissen des Tübinger Secondhandshops “Rosenstich”

Rosenstich • Aixer Str. 26 • 72072 Tübingen • E-Mail: info@rosenstich24.de

Von Jasmin Schmid

Flaniert man durch das Französische Viertel, einem Stadtteil der Universitätsstadt Tübingen, so ist es die Aixer Straße, die ein ganz besonderes Flair vermittelt: Viele der modernen Gebäude sind bunt gestaltet, wobei sich im Erdgeschoss oftmals kleine Geschäfte befinden. Darunter ist Rosenstich zu entdecken, ein Secondhandshop, dessen Name sich auf den gleichnamigen Handnähstich bezieht, zugleich aber auch für Schönheit und Ästhetik steht. So verweist bereits der Ladenname auf das, was Besitzerin Antje Keller als das Alleinstellungsmerkmal ihres Geschäfts bezeichnet. Diese gründete Rosenstich im Jahr 2016. Mittlerweile ist sie selbständig und führt den Shop, der eine kleine Umkleidemöglichkeit enthält und seine Ware ganzjährig auch vor der Eingangstüre präsentiert, ohne zusätzliche Mitarbeiter*innen. In einem Interview* erzählt sie von ihrer Arbeit und gewährt einen Blick hinter die Kulissen ihres Ladens, welcher „2nd Hand für Ladies & mehr“ bietet.

Könntest du dich bitte einmal kurz vorstellen?

Mein Name ist Antje Keller. Ich bin die Gründerin und Besitzerin von Rosenstich und ausgebildete Modenäherin, Farbtypberaterin sowie Industriekauffrau.

Was war deine Intention bei der Gründung von Rosenstich?

Natürlich gefällt mir der Aufbau der Kleidungsindustrie nicht: dass Leute zum Beispiel in China und Indien beim Nähen ausgebeutet werden und eine Jeans zwölfmal um die Welt geschippert wird, um anschließend für 20 Euro beispielsweise bei Aldi verkauft werden zu können. Auch bei uns sehe ich aber, dass viele Leute einfach nicht bereit sind, einen angemessenen Stundenlohn für Näharbeiten zu zahlen. Von vielen wird das leider nicht entsprechend honoriert. Im Großen und Ganzen war meine Intention, gutes Second Hand anzubieten, meine Fähigkeiten dabei einzubringen und Müll zu vermeiden, indem man Dinge upcycelt. Da ich eine Affinität zu Mode habe, es aber auch entspannt und alltagstauglich mag, kann ich hier einfach viele meiner Fähigkeiten vereinen.

Wie beschaffst du die Ware, die du anbietest?

Ein Teil stammt von Kundinnen, die gut erhaltene Kleidung oder ungetragene Schuhe, bei denen es sich um Fehlkäufe handelt, zu mir bringen. Darüber hinaus werde ich regelmäßig von einer Boutique aus Holzgerlingen beliefert. Ab und zu ersteigere ich auch mal Neuware oder nähe – meist Röcke oder Kleider.

Weshalb verkaufst du neben Second Hand und Genähtem auch Neuware?

Ich biete vereinzelt Neuware an, weil ich mich auch über ein paar ganz moderne Teile freue und sie in Kommission nehmen kann. Neue Kleidung füllt in Rosenstich jedoch lediglich einen kleinen Ständer.

Wie funktioniert die Warenannahme, die du auf deiner Website erwähnt hast, genau?

In der Regel machen die Leute einen Termin aus. Ich gucke die Sachen dann an und entscheide, was ich nehme und was nicht. Was ich aufnehme, bleibt drei Monate im Laden – manchmal auch kürzer, wenn ein Saisonwechsel ansteht und es spät gebracht wurde. Verkauft sich das Teil während dieser Zeit, erhält die Kundin die Hälfte des Verkaufspreises.

Wie wird man über den Verkauf eines Teils informiert und diesbezüglich ausgezahlt?

Wer Kleidung herbringt, bekommt auch direkt einen Abholtermin. Ich zahle aber auch gerne zwischendurch aus – alle zwei, drei Wochen, wenn die Person hier hereinschneit. Ansonsten muss sie zum Abholtermin erscheinen.

Was passiert mit einem Teil, das sich nicht verkauft?

Holen es die Leute nicht wieder ab, wird es gespendet – ans Frauenhaus oder das Deutsche Rote Kreuz. Manchmal lege ich es auch vor die Türe, wenn ich keine Zeit habe, es wegzubringen.

Nach welchen Kriterien wählst du deine Ware aus?

Ich gucke eher nach Markensachen. Nicht, weil ich markenhörig bin, sondern weil ich qualitativ hochwertigere Sachen haben möchte. Dabei biete ich einen Mix aus Alltagskleidung und ein paar besonderen Sachen an. Ich möchte kein H&M oder Ähnliches. Wenn ich das mal annehme, ist das eine Ausnahme und das Stück hat ein tolles Muster oder einen tollen Schnitt. Polyester möchte ich allerdings eher vermeiden, zumal ich auch immer wieder feststelle, dass viele meiner Kundinnen das einfach nicht möchten. Ausgewählt wird also nach Material, Muster und der Jahreszeit. Zudem muss die Secondhandware gut erhalten und tragbar sein. Das heißt zum Beispiel, es dürfen sich keine Flecken darauf befinden und der Stoff darf nicht verwaschen sein, da die Leute diesbezüglich auch kritisch sind.

Bezüglich der Neuware kann ich leider nicht für mehrere Tausend Euro in Vorleistung gehen und schicke Ware, die zum Beispiel aus Milchfasern, Brennnesseln oder Leinen besteht, anbieten. Ich bin zwar schon lange auf der Suche nach einer „modernen“ und preislich akzeptablen Marke, die fair produziert, dabei aber leider noch nicht fündig geworden.

Generell kann ich bei der Auswahl auch nicht nur nach meinem Geschmack gehen und muss daher eine spezielle Frau bildlich vor mir sehen können, bei der ich denke: „Ja, an ihr sieht das Teil toll aus!“

Orientierst du dich dabei an einer bestimmten Zielgruppe?

Nicht nur an einer Zielgruppe. Es kommen natürlich viele Frauen in meinem Alter und auch eher gut ausgebildete Frauen, viele Lehrerinnen und Ärztinnen. Hier ist jeder willkommen. Letzte Woche waren zum Beispiel viele junge Frauen da, was ich auch nett fand. Nein, ich kann nicht sagen, dass ich mich bewusst an einem bestimmten Alter orientiere. Eventuell orientiere ich mich aber unbewusst doch eher an meiner Altersklasse.

Achtest du auch auf das Land, in dem die Ware hergestellt wurde?

Wenn ich das tun würde, könnte ich fast nichts annehmen. Mir wäre es auch lieber, wenn ich darauf achten könnte, aber es gibt fast nichts, in dem nicht „Made in China“ steht – egal bei welcher Marke. Und selbst bei „Made in Italy“ oder Ähnlichem stecken oft ähnliche Arbeitsbedingungen dahinter, wie ich von einer Bekannten weiß, die auch einen eigenen Laden besitzt und ihre Ware in Italien kauft.

Wie werden die Preise gebildet?

Das hängt natürlich von der Qualität ab, von der Marke und auch ein bisschen davon, wie der Marktwert ist. Ich passe mich da auch an, da die Leute mit einer anderen Intention in einen Secondhandshop gehen als sie beispielsweise ins Marbello in Tübingen oder zu Anne Frommlet gehen würden. Da gibt man, wenn man das Geld hat, für ein Kleid 100 bis 300 Euro aus, je nach Geldbeutel und Laune. Wenn man in einen Secondhandshop geht, freut man sich aber, wenn man für ein schönes Teil einfach weniger bezahlt oder vier Teile für dasselbe Geld bekommt.

Sind die Preise verhandelbar?  

Wenn jemand ein paar Stücke auf einmal nimmt, dann okay, aber ich handle nicht gerne. Ich möchte auch eine gewisse Wertschätzung erfahren und werde hier eh nicht reich, da bei Second Hand nicht viel übrigbleibt.

Wo liegt die Preisspanne für genähte Kleidung?

Ich verlange für das Nähen einen Stundenlohn von etwa 30 Euro. Das ist angesichts der Tatsache, dass ich selbständig bin, nicht viel. Ich lege das Pi mal Daumen fest.

Was genau wird in Rosenstich genäht beziehungsweise upgecycelt?

Foto: Rosenstich/Antje Keller

Zum Teil Kleidungsstücke, die liegenbleiben. Manchmal denke ich „Das ist doch eigentlich ein hübsches Teil. Warum verkauft sich das nicht?“ und überlege mir, was ich daraus machen kann. Bei einem Kleid befindet sich zum Beispiel manchmal einfach zu viel Muster auf einer großen Fläche. Dann verkleinere ich das und mache daraus möglicherweise ein Oberteil und einen Rock. Ich sammle auch mal einen altbackenen Rock auf und kürze ihn, pimpe ihn mit Borten oder dem, was mir gerade so einfällt, auf. Zum Beispiel auch mit Fotodrucken von mir.

Wie funktionieren deine Fotodrucke?

Für den Fotodruck werden Dateien eingeschickt, die man mittels eines Programms auf die gewünschte Größe skalieren kann. Dann kann man Meterware bedrucken lassen, zum Beispiel bei stoff’n in Berlin.

Pimpst du Kleidung auch auf Anfrage auf, also nach den individuellen Wünschen deiner Kundinnen?

Zeitweise ja. Ich habe zum Beispiel mal für eine Frau, die Biologin ist und unter anderem Waldbaden anbietet, eine Linde fotografiert und auf Stoff drucken lassen. So habe ich ihr praktisch eine „Baumhose“ fürs Waldbaden gemacht und damit ihre Jeans gerettet. Davon war sie völlig begeistert. Ich erhalte aber gar nicht so viele Upcycling-Anfragen und möchte mich auch nicht als Änderungsschneiderin anbieten, Reißverschlüsse einnähen und so. Ich kürze aber schon mal eine Hose, wenn ich die Maschine gerade im Laden habe und jemand nicht die Möglichkeit hat, selbst zu nähen.

Hast du ein Beispiel dafür, wie eine individuelle Anfertigung genau ablaufen kann?

Foto: Rosenstich/Antje Keller

Neulich war zum Beispiel ein Mädchen da, das 12 oder 13 Jahre alt war und einen Rock mit Punkten in meinem Schaufenster gesehen hatte. Ich konnte wegen Corona zwar nicht so nah rangehen, aber ihre Mutter nahm dann Maß. Ich habe hier keine Stoffballen und nähe die Teile in der Regel aus besonderen Stoffen. Deshalb stellt sich immer die Frage, wie ich an Stoffe komme, die so speziell sind. In diesem Fall war es zum Beispiel Zufall: Ich hatte noch einen sehr schönen roten Stoff mit weißen Punkten, der aus Bio-Baumwolle bestand, zu Hause. Nachdem ich dem Mädchen ein Bild davon geschickt hatte, nähte ich ihr den Rock und sie war glücklich.

Wie lang dauert es bis zur Fertigstellung eines genähten Kleidungsstücks?

Das kann man nicht pauschal sagen, da es auf den Auftrag ankommt. Ich glaube, die meiste Zeit brauche ich, um durch mein Materiallager zu gehen und zu schauen, was gut zusammen aussieht und zusammenpasst. Wenn ich einen Auftrag bekomme, weiß ich aber, was gerade sonst noch so los ist, und kann daher abschätzen, wie lang es in etwa dauern wird. Wenn ich zum Beispiel am Wochenende Farbberatungen gebe, kann auch mal so viel anstehen, dass ich sage: „Im Moment nehme ich nichts an.“ Ich kann es nämlich nicht leiden, wenn ich Sachen daliegen habe, die ich zum Beispiel erst nach vier Wochen bearbeiten kann.

Wo und wann nähst du die Einzelstücke?

Von daheim aus, morgens oder abends, auch mal samstags oder sonntags.

Du bist also allein für das Nähen beziehungsweise Upcycling bei Rosenstich verantwortlich?

Genau, für alles außer den Schmuck. Der stammt von Elke, einer Freundin. Mit ihr bin ich viele Jahre auf Märkte gegangen, da ich vor der Eröffnung meines Ladens Upcycling-Schals aus Stoff, Wolle und Stoffbildern hergestellt habe. Aktuell habe ich allerdings auch jemanden, der Masken für mich näht.

Woher stammen die beim Aufpimpen verwendeten Materialien?

Die hat Elke in ihrem Repertoire, wobei sie auch manchmal Reste von mir bekommt. Das sind ja nur Minimalmengen – dafür kann sie also kleinste Reste verwenden. Und meine Stoffe kaufe ich regulär im Stoffladen.

Foto: Rosenstich/Antje Keller

Hast du Beispiele dafür, welche Materialien unter die „1001 Materialien“, aus welchen der Schmuck hergestellt wird, fallen?

Das sind zum Beispiel Stoff, Sari-Perlen und Kinder-FIMO, den Elke zunächst zu Würsten dreht und anschließend Scheiben daraus schneidet. Auch Bänder, Schnüre und sogar Schnürsenkel sind dabei. Manchmal auch Puschelteile oder Federn. Aber es ist nicht nur das Material – sie hat sich im Laufe der Jahre auch verschiedene Techniken angeeignet, die sie in ihren Schmuck miteinbringt.

Und was macht dir an deiner Arbeit nun am meisten Spaß?

Am liebsten würde ich nur Stoffe aussuchen, wäre immer auf der Jagd nach schönen Stoffen, würde fotografieren und entwerfen. Dann habe ich zum Großteil super nette Kundinnen – es ist einfach nett, Anerkennung zu erhalten oder gesagt zu bekommen „Wie schön, dass du da bist“, „Es ist immer wieder nett zu kommen“ und „Was für ein süßer Laden“… Das freut einen natürlich auch. Und es ist tatsächlich auch oft so, dass ich mir, wenn ich die Kundin angucke und daraufhin die Sachen durchschaue, bei einem Teil denke „Okay, das passt“ und dieses dann auch gekauft wird. Ich habe natürlich nicht immer das Passende für die jeweilige Frau da – Farbe, Größe, Stil… Aber es ist schon schön, wenn man dann das zum Typ Passende findet. Und am liebsten gebe ich die Farbberatungen. Das mache ich seit 18 Jahren und liebe es nach wie vor, weil man jemanden dadurch, dass man ihm etwas mitgibt, glücklich macht und auch noch Geld dafür bekommt. Es ist absolut sinnvoll, geht in die Tiefe und hat viel mit der Persönlichkeit zu tun, denn der Typ, den man im Inneren hat, sollte auch nach außen hin sichtbar gemacht werden. So fühlt man sich wohl in seiner Haut und kann die schönen Seiten noch mehr betonen.


*Das Interview wurde am 02.06.2020 nach Ladenschluss vor Ort geführt. Für die Transkription wurde im Hinblick auf die Erstellung dieses Blogartikels eine leserfreundliche Form gewählt.

Alle unbeschrifteten Fotos von Jasmin Schmid.